Wenn Potenzial auf die richtige Tür trifft

Frankfurt I Fachkräftemangel ist in aller Munde. Gleichzeitig gibt es Menschen, die arbeiten wollen, über Qualifikationen und Berufserfahrung verfügen – und dennoch nur schwer Zugang zum Arbeitsmarkt finden. Besonders komplex wird es, wenn mehrere Hürden zusammenkommen.

Hamoudi Abdellaoui kam im Februar dieses Jahres auf Aline Rohrbach, Einheitliche Ansprechstelle für Arbeitgeber Frankfurt, abgekürzt EAA, zu. Er suchte Unterstützung bei der Suche nach einem Arbeitgeber. Dass sich Menschen mit Schwerbehinderung an eine EAA wenden, ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Seine Situation allerdings war außergewöhnlich: Er kommt aus einem Drittstaat und ist seit einem tragischen Unfall im Alter von zehn Jahren vollständig blind.

Mit einer EU-Chancenkarte hatte er die Möglichkeit, bis Ende August in Deutschland eine seiner Qualifikation entsprechende Beschäftigung zu finden. Die Suche nach einem passenden Arbeitgeber musste er zunächst weitgehend ohne jene Unterstützung bewältigen, die Menschen mit anerkannter Schwerbehinderung in Anspruch nehmen können. Denn sein Antrag auf Feststellung der Schwerbehinderteneigenschaft war zunächst abgelehnt worden. Nicht alle Voraussetzungen waren zu diesem Zeitpunkt erfüllt.

Das war mehr als eine formale Hürde. Die anerkannte Schwerbehinderung ist vielfach die Voraussetzung dafür, Leistungen und begleitende Hilfen in Anspruch nehmen zu können, die den Zugang zu einem Arbeitsplatz erleichtern und eine nachhaltige Beschäftigung unterstützen.

Hier kam Frau Rohrbach ins Spiel.

Durch ihre Kontakte zu Arbeitgebern kennt die EAA Unternehmen und Organisationen, die sich bewusst für inklusive Beschäftigung öffnen und bereit sind, individuelle Lösungen zu entwickeln. In diesem Fall führte dieser Kontakt zu Andreas Schwarz, Inklusionsbeauftragter bei der IG Metall Vorstand.

Für ein Kennenlerngespräch musste nicht lange gewartet werden. Abdellaoui konnte mit seiner fachlichen Kompetenz unmittelbar überzeugen. Gemeinsam mit dem IG Metall Vorstand und dem IG Metall Bildungszentrum Beverungen entwickelte Andreas Schwarz im engen Austausch mit dem Personalleiter und der Personalabteilung eine neue Stelle – zunächst als Mitarbeiter, perspektivisch als Referent für digitale Barrierefreiheit, Inklusion und Bildungsunterstützung.

Es passte vieles zusammen. Fachliche Qualifikation, persönlicher Hintergrund und die Bereitschaft eines Arbeitgebers, nicht nach einer Standardschablone zu suchen, sondern eine individuelle Beschäftigungsmöglichkeit zu schaffen.

Doch damit war die Arbeit noch nicht getan.

Eingliederungszuschuss und begleitende Hilfen im Arbeitsleben mussten bei der Agentur für Arbeit beantragt werden. Parallel war die aufenthaltsrechtliche Situation zu klären. Hinzu kam ein Überprüfungsantrag beim Versorgungsamt. Mehrere Verfahren liefen gleichzeitig – und die Zeit war knapp. Sehr knapp. Am Ende war es tatsächlich fünf nach zwölf.

Seit September arbeitet Hamoudi nun im IG Metall-Bildungszentrum in Beverungen. Die anfängliche Suche nach einem Arbeitsplatz ist längst einer anderen Frage gewichen: Was kann er in dieser neuen Rolle bewegen? Im Team ist er nach kurzer Zeit sehr gut angekommen.

Andreas Schwarz beschreibt die Zusammenarbeit als Bereicherung. Abdellaouis eigene Erfahrungen mit Barrieren und Teilhabe eröffneten auch neue Sichtweisen und schärften den Blick für betriebliche Inklusion. „Wir können alle sehr viel von ihm lernen. Die Zusammenarbeit intensiviert den Austausch und sensibilisiert uns noch stärker für die praktische Umsetzung von Inklusion“, sagt Schwarz. Damit ist die Beschäftigung auch ein konkreter Schritt im Sinne der Inklusionsvereinbarung der IG Metall: Inklusion nicht nur zu vereinbaren, sondern im Arbeitsalltag umzusetzen.

Der Fall zeigt zugleich, wie wichtig es ist, bei der Beschäftigung von Menschen mit Schwerbehinderung nicht nur die Einstellung selbst in den Blick zu nehmen. Welche Unterstützungsleistungen kommen infrage? Welche Anpassungen sind erforderlich? Welche Anträge müssen gestellt werden? Welche Stellen und Institutionen müssen einbezogen werden? Und wer behält den Überblick, wenn mehrere Verfahren parallel laufen?

Genau hier können die Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber unterstützen: als Lotsen durch die verschiedenen Zuständigkeiten und Fördermöglichkeiten – vertraulich, kostenfrei und mit Blick auf eine konkrete Beschäftigungslösung.

Hamoudis Geschichte ist deshalb mehr als die Geschichte einer gelungenen Einstellung. Sie zeigt, was entstehen kann, wenn ein Mensch mit seiner Qualifikation und seinem beruflichen Potenzial gesehen wird – und ein Arbeitgeber bereit ist, dafür die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Ein besonderer Dank gilt der Agentur für Arbeit Frankfurt, dem Versorgungsamt Frankfurt, dem Personal- und Organisationsamt sowie der Ausländerbehörde Frankfurt für ihre Unterstützung, Flexibilität und die Berücksichtigung notwendiger Nachteilsausgleiche.

Am Ende war es eine Kombination aus Kompetenz, Bereitschaft und vielen richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit. Und manchmal braucht es dafür nicht viel mehr als jemanden, der eine Tür öffnet – und einen Arbeitgeber, der sie offenhält.

Geschafft: Aline Rohrbach übergibt den Fall an die zuständige EAA-Kollegin Olivia Kuzawinski im Kreis Höxter. Der persönliche Termin vor Ort bietet Gelegenheit, gemeinsam mit dem Arbeitgeber die nächsten Schritte zu besprechen und organisatorische Fragen zu klären.

Die Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber [kurz EAA] haben den Auftrag, Arbeitgeber zu sensibilisieren und zu beraten sowie bei allen Themen rund um die betriebliche Inklusion zu unterstützen. Ihre regionale Einheitliche Ansprechstelle finden Sie unter: www.eaa-hessen.de.

Titelbild [v. l. n. r.]: Olivia Kuzawinski, EAA Kreis Paderborn-Höxter; Andreas Schwarz, Inklusionsbeauftragter IG Metall Vorstand; Jasmin Maschke, Leitung IG Metall Bildungszentrum Beverungen; Aline Rohrbach, EAA Frankfurt am Main; Dr. Hamoudi 

Kontakt

Aline Rohrbach
EAA-Fachberaterin
Heddernheimer Landstraße 147
60439 Frankfurt am Main
T: 069 580909-29
M: 0151 44157562

E: